Im Cafe-Haus
Colette + Nora
Es morgen ist Montag, viel zu früh um wach zu sein, und noch entsetzlicher jetzt schon auf zu sein. Als Friseur genieße ich meinen freien Montag über alles.
Aber heute! Schlecht geschlafen, noch schlechter geträumt und vor allem der Lärm von der Müllabfuhr. Vorbei mit Ausschlafen! Und das um 10.00 Uhr.
Duschen, Anziehen usw., ein paar Mal knapp an der Katastrophe vorbei, dann beim Frühstück! Die Marmelade sollte eigentlich aus Brot sein und nicht samt dem Glas meinen Fußboden mit lustigen Flecken farbiger Gestaltung.
Am besten verlasse ich meine Wohnung, solange der Rest noch heil ist, um die Ecke ist ein nettes Café.
„Kaffee, schwarz und viel!“, kommt meine Bestellung, ohne die Bedienung eines Blickes zu würdigen.
Sie steht immer noch am Tisch und rührt sich nicht. Ich sehe zu ihr rauf, hübsches Gesicht, sehr kurz geschnittene blonde Haare, passen ganz süß zu ihr und traurige Augen.
„Entschuldige Lara, ich hätte gerne einen großen Kaffee.“
Sie rührt sich nicht. „Bitte.“ „Na es geht doch“, lächelt sie und mit ihren kurzen Haaren sieht sie jetzt richtig frech aus. Während ich ihr nachsehe, denke ich unwillkürlich, dass ihre Nackenhaare ruhig einiges kürzer geschnitten werden müssten, aber das mach ich, wenn sie mich das nächste Mal besucht.
„Ist hier noch frei?“ Drehung nach rechts, eine Frau, Mitte 30, die schwarzen Haare ganz stark nach hinten frisiert und zu einem hochgebundenen Zopf geflochten, kein Härchen steht ab. „Ja sicher.“
Sie setzt sich und rutscht dabei ihr Zopf nach vorne, brustlang und mächtig dick.
Ihre Bestellung gibt sie genauso unfreundlich auf wie ich, dabei sieht sie auf der Uhr aus. „Schlecht geschlafen?“, brumm ich.
Unfreundlicher Blick, zuerst auf mich, dann wieder auf die Uhr.
„Prima! Genauso schlecht drauf wie ich. Und heute Morgen ist auch alles schief gelaufen?“ Fragender unsicherer Blick. „Ja!“ Pause
„Meine Freundin hat für uns beide heute einen Friseurtermin bei ….. (der absolute Nobelsalon in der Stadt, der auch montags geöffnet hat) vereinbart, und ich habe verschlafen.“
Ich sehe sie nur an.
„Nein, nicht verschlafen, ich habe den Termin platzieren lassen.“
Ich sehe sie weiterhin nur an.
„Wir wollten uns beide die Haare mal ganz anders schneiden lassen, komplett neue Frisur, verstehen Sie? Aber warum erzähle ich Ihnen das?“
Natürlich verstehe ich und jetzt will sie von mir hören, dass man so schöne lange Haare auf keinen Fall abschneiden darf, aber meine Antwort haut sie schnell vom Stuhl.
„Sie haben wunderschöne Ohren und einen ganz reizenden Nacken.“
„Wie bitte? Ich habe ja schon alle Sprüche über Augen und Haare gehört,
aber über Ohren und Nacken noch nie.“ Sie müssen lachen.
„Danke, das war wirklich nett.“
Nach einer Weile merken wir, dass noch jemand am Tisch steht.
Groß, schlank, blond, mit exakt geschnittenem kinnlangen Bob, Seitenscheitel mit bis über die Augenbrauen reichendem vollen Pony.
„Colette, wo warst du?“ beginnt ein Streit zweier Freundinnen und geht erst richtig los, als Colette eine spitze negative Bemerkung über Noras neue Frisur macht:
„Besonders aufregend sieht es ja nicht aus, und dann auch noch mit Pony.“
Nora holt tief Luft und will kontern, aber Colette setzt gleich noch was drauf:
„Du lässt dir deine langen Haare abschneiden und läufst jetzt mit einem.“
o8/15 Frisur rum. So was habe ich mir fast gedacht und bin lieber nicht mitgekommen“
„Lieber so, als mit einem albernen Zopf rumzulaufen“, geht der Streit weiter.
„Na, so 08/15 ist es wirklich nicht“, schalte ich mich in den Streit ein,
„Ihre Haare sind doch perfekt geschnitten.“
„Aber langweilig,“ fügt Colette hinzu.
Plötzlich sehen mich beide erstaunt an.
„Sie haben doch davon überhaupt keine Ahnung!“ , bekomme ich von Nora zu hören. „Oder?“ , fragt Colette.
Ich ziehe nur die Schultern hoch. Vier Augen sehen mich eindringlich an.
„Du bist Friseur?“ Ich nicke.
„Eigener Salon? Wahrscheinlich so einer, wo du froh sein musst, wenn du nicht mit einer Glatze rauskommst.“
„Das kann man so sagen“, bestätige ich ihre Befürchtung.
Wieder eine Antwort, die sie nicht erwartet haben.
„Sieht meine Frisur wirklich so aus wie sie sagt?“, fragt Nora schon etwas niedergeschlagen. „Wie gesagt, perfekt geschnitten, könnte aber ruhig etwas pfiffiger sein.“ „Wie meinen Sie das?“ „Allein der Pony verdeckt ihr halbes Gesicht, was es nun wirklich nicht verdient hat.“ „Oh, danke. Und sonst?“
„Die Seiten hätte ich vorne etwas angestuft, oder aber hinten eine hohe Kante, die den Hals betont.“ Nora wird nachdenklich.
„Und bei mir?“, fragt jetzt Colette zaghaft, „was würde mir stehen?“
„Dazu müsste ich ihre Haare erst mal offen sehen“.
„Wir können ruhig „du“ sagen, das ist Nora, ich bin Colette.“
Sie will gleich ihren Zopf aufmachen, als ich sie unterbreche: „Ich bin Jan,
aber lass deinen Zopf zusammen, ich habe meinen Salon heute geschlossen.“
„Warum? Du hast doch bestimmt einen Schlüssel?“
„Natürlich habe ich einen Schlüssel, aber das ist auch völlig egal.“
„Warum?“, kommt es jetzt wieder mit dieser typischen weiblichen Hartnäckigkeit. „Weil heute Montag ist!“
„Trotzdem will ich es jetzt wissen!“ Und ohne auf mich zu achten macht sie sich weiter an ihrem Zopf zu schaffen, bis eine Pracht dicker schwarzer Haare über ihre Schultern flutet, die sie mit einigen Kopfbewegungen und Handgriffen aufschüttelt. Mit offenem Mund starre ich sie an.
„Na was wäre jetzt dein Vorschlag?“, grinst Colette, die meine Unsicherheit beim Anblick ihrer offenen Haare gleich bemerkt hat.
Ich lehne mich zurück und sehe Colette eine ganze Weile lang nur an.
„Da wüsste ich was, etwas exotisch, aber genau passend.“
„Was!?“, fragt jetzt Nora. „Verrate ich nicht.“
„Doch!“, befiehlt Colette.
„Dann gehen wir jetzt in deinen Salon und du schneidest ihr die Haare genauso wie du denkst. Einverstanden Colette?“, bleibt Nora bei der Sache. Colette nickt zustimmend und lässt sich eine dicke Strähne ihrer schweren Haare durch die Hand gleiten.
„Geht nicht, weil heute Montag ist.“, bleibe ich hart.
Colette spielt weiter mit ihrer Haarsträhne, sie nimmt sie auf halber Ohrhöhe zwischen zwei Finger. „Mindestens so kurz“, sagt sie entschlossen.
Zum Glück kommt Lara gerade vorbei und ich bestelle einen Espresso mit einem Grappa. Missbilligend sieht Lara auf die Uhr. „Es ist noch Vormittag!“
„Mir das gleiche“, gibt Nora ihre Bestellung auf.
„Mir auch! Aber beides doppelt!“ Das kommt von Colette.
Jetzt kann Lara nur noch mit den Schultern zucken und geht.
„Wenn du es jetzt nicht machst, lasse ich mir die Haare morgen vom nächst besten Friseur so kurz es geht abschneiden!“, entscheidet sich Colette.
„Am besten im Salon Schneider“, schlägt Nora vor.
„Ja genau! Aber vom Senior bitte.“ Colette und Nora lachen laut los.
Lara, die gerade die Getränke bringt, und ich, sehen die beiden etwas verwundert an. „Du kennst Hermann Schneider nicht?“
Verneinend schüttele ich den Kopf.
Beide lachen wieder los. Nora beruhigt sich als erste und beginnt zu erzählen:
„Unsere Nachbarin Ruth hat ganz stolz erzählt, dass sie einen Friseur gefunden hat, bei dem ein Haarschnitt nur 5,50 Euro kostet. Und geizig wie sie ist, ist sie gleich hingerannt. Meine Güte hat der die zugerichtet.“
Lara steht neben uns und hat auch zugehört: „Wie?“
„Die 5,50 bezogen sich auf einen Herrenhaarschnitt trocken, bei Damen kostet es natürlich mehr. Aber da ist er bei Ruth an die richtige gekommen. Sie hat, wie auf dem Angebot steht, einen Haarschnitt für 5,50 gefordert.
Der Junior hat es wohl noch versucht ihr auszureden, aber da ist sie wohl richtig pampig geworden. Auf jeden Fall saß sie dann im Herren-Salon auf so einem alten Ledersessel und der gute alte Senior Hermann hat wohl so seine Erfahrung mit solchen Zicken. Er drückt ihren Kopf soweit nach vorne, so dass sie einfach nichts mehr sieht.
Mit der Maschine hat er ihre braunen Haare bis auf ein paar Millimeter raspelkurz abgeschoren.“ Colette und Nora prusten vor Lachen.
„5,50 Euro Herrenhaarschnitt trocken wollte sie ja unbedingt“, erklärt Colette noch. „Wie lang waren die Haare vorher?“, fragt jetzt Lara.
„Knapp schulterlang, mit Seitenscheitel. Hätte ich ja zu gern gesehen, wie die da im Herrensalon sitzt, direkt am Fenster zur Strasse hin und regelrecht geschoren wird.“ Der Grappa ist mittlerweile leer.
„Also jetzt zu dir oder morgen zu Hermann!?“, stellt Colette die entscheidende Frage. „Morgen zu Hermann“, erwidere ich.
„Wenn du das zulässt sind wir die längste Zeit Freunde gewesen!“, schaltet sich Lara ein.
Drei gegen einen! Das ist unfair!
Eine halbe Stunde später sitzt Colette vor mir im Stuhl, das lange dichte Haar wallt förmlich über die Lehne. Ich stehe hinter ihr, Kamm und Schere in der Hand. Die ersten schwarzen langen Strähnen sind gefallen, rund rum schneide ich das prächtige Haar auf Kinnhöhe ab. Dann geht es schnell automatisch weiter, Noras Fragen nehme ich schon gar nicht mehr wahr, auf Colettes Fragen antworte ich erst gar nicht. Einen vollen bis auf 2 cm über die Augenbrauen reichenden Pony hat sie mittlerweile schon, dann seitlich nach unten und oberhalb ihrer Ohren nach hinten.
Schere und Clipper leisten ganze Arbeit, schwarzes weiches Haar fällt bergeweise auf das weiße Cape und auf den Boden. Selbst Nora ist verstummt.
Jetzt ist der Hinterkopf dran, zuerst der Clipper fürs Grobe, dann die Schere für die Feinarbeit. Es dauert ewig. Hier noch ein Schnitt, da noch eine Korrektur und immer wieder mit dem Kamm durch.
Das dicke Haar verläuft jetzt von den hochgeschnittenen Seiten in einem leichten Rundbogen über den Hinterkopf, wobei die untere Partie raspelkurz geschoren ist. Ich gehe zwei Schritte zurück und betrachte sie von allen Seiten.
„Super!“, meint Nora und Colette, die sich im Spiegel nur von vorne und einen Teil der Seitenpartie sieht, sagt: „Das ist es! So wollte ich aussehen.“
„Wartet!“, sage ich ganz leise, „noch nicht perfekt. Der Kick fehlt noch.“
Mit dem Messer schabe ich die untere Partie unter dem Bogen sauber aus und auch die Schläfen vor den Ohren werden völlig kahl rasiert.
Colette schüttelt es immer wieder unter ihrem Umhang, während die Klinge über ihre weiße Haut schabt und die letzten schwarzen Stoppel entfernt.
„Voila Madame“, nehme ich an, ihr fällt das Cape ab, dabei ein riesiger Berg abgeschnittener schwarzer Haare auf den Boden. Im Handspiegel zeige ich ihr das Ergebnis von allen Seiten. „Zufrieden?“
Deine Hand streicht ein paar Mal über ihren hoch ausrasierten Nacken:
„Mehr als zufrieden, genial.“
Ehe ich mich vershe sitzt Nora auf dem Stuhl: „Jetzt bin ich dran!“
„Sorry meine Liebe, aber für heute ist genug. Aber wenn deine Haare ein Stück rausgewachsen sind, also in etwa 8 Wochen, darfst du dich gerne bei mir melden.“
Enttäuscht steht sie auf und folgt Colette zur Kasse.
„Was bin ich dir schuldig“, fragt sie, dabei ihren Geldbeutel geöffnet.
„Wie wäre es mit einem doppelten Espresso und dem dazugehörigen Grappa?“
ENDE